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65.
     Wenn ich sage, dieses Gesicht hat den Ausdruck der Milde, Güte, Feigheit, so scheine ich nicht nur zu meinen, daß wir den und den Charakter mit dem Anblick des Gesichts assoziieren, also an ihn denken, wenn wir das Gesicht sehen; sondern ich bin versucht, zu sagen, das Gesicht sei ein Aspekt der Güte, oder der Feigheit selbst. (Vergleiche Weininger.) Man kann sagen: ich sehe die Feigheit in dieses Gesicht hinein (und könnte sie auch in ein anderes hineinsehen); aber jedenfalls scheint sie mit dem Gesicht nicht bloß assoziiert, äußerlich verbunden; sondern die Furchtsamkeit ist von der Art der Gesichtszüge. Und wenn sich, z.B., die Züge ein wenig ändern, so können wir von einer entsprechenden Änderung der Furcht reden. Würden wir gefragt “Kannst du dier dieses Gesicht auch als Ausdruck des Mutes denken?”– so wüßten wir, gleichsam, nicht, wie wir den Mut in diesen Zügen unterbringen sollten. Ich sage dann etwa: “Ich weiß nicht, was das hieße, wenn dieses Gesicht ein mutiges Gesicht ist.” – Aber wie sieht die Lösung so einer Frage aus? Man sagt z.B.: ‘Ja, jetzt versteh’ ich es; das Gesicht ist sozusagen gleichgültig gegen die Außenwelt.” Wir haben also Mut hineingedeutet. Der Mut, könnte man sagen, paßt jetzt wieder auf das Gesicht. Aber was paßt hier wo worauf?
(
⇒416)

 

(2015–) Wittgenstein Source Bergen Nachlass Edition (WS-BNE). Edited by the Wittgenstein Archives at the University of Bergen under the direction of Alois Pichler. In: Wittgenstein Source, curated by Alois Pichler (2009–) and Joseph Wang-Kathrein (2020–). (N) Bergen: WAB.




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